20. Juni 2015

Echo Online Wirtschaft über Bremotion

Die besten Produkte sind nur so gut, wie sie sich verkaufen lassen. Weil auf Messen stolz präsentierte Eigenschaften und imposante chemische Formeln in Meetings bei potenziellen Abnehmern oft nicht verfangen, sucht Evonik exemplarisch den Einsatz im Alltag. Beispielsweise in einem Rennwagen.

Es war ein Tag im Jahr 2013, als bei Patrick Brenndörfer (38) das Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung Steffen Ulzheimer (40) vom Automotive Industry Team, kurz AIT. Das ist die Truppe, die segmentübergreifend die Automobilkompetenzen des Spezialchemiekonzerns Evonik bündelt, zu dem der Darmstädter Plexiglasspezialist Röhm gehört. Und der gemeinsame Kommunikationskanal mit dem Ziel, Innovationsthemen intern anzustoßen.

Zwei, die sich gesucht und gefunden haben.
Auf Brenndörfer als Kenner der Szenerie ist Ulzheimer aufmerksam geworden als Rennfahrer, Teilnehmer der 24 Stunden am Nürburgring und in seiner Tätigkeit für den Weiterstädter Volvo-Veredler Heico, Tochter der Hedtke-Gruppe. Inhalt des Telefonats: Ein gemeinsames Motorsport-Projekt – er solle doch mal darüber nachdenken. Das musste Brenndörfer nicht lange. Justament zu dieser Zeit spielte er nämlich mit dem Gedanken, ein eigenes Rennteam zu gründen, „Motorsport abseits von Volvo“ zu realisieren. Ein fertiges Konzept lag bereits in der Schublade, nur ein Partner fehlte. Und der war nun – wie es der Zufall so will – in Gestalt des Chemieriesen vorhanden. Mit Evonik hatte Brenndörfer bereits beim Thema Diesel-Additive Racing-Erfahrungen gesammelt.

Seit 2007 waren die Darmstädter mit einem Lotus Elise unterwegs, um ihre wachsende Palette an Leichtbaumaterialien zu präsentieren. Aber man wollte was Neues machen, so Ulzheimer, der zusammen mit vier Kollegen das Evonik-Team bildet für das Projekt; insgesamt sind in Darmstadt 1600 Mitarbeiter bei Evonik tätig, im Werk Weiterstadt 550. Und das auf Basis eines Roding Roadsters, ein Technologieträger der gleichnamigen bayerischen Entwicklungs- und Ingenieurfirma. Der Leichtbaurenner aus Carbon und Alu kostet als Straßenversion mit BMW-Sechszylinder rund 200 000 Euro, wurde bislang 14 Mal verkauft – meist an Industriekunden wie Thyssen. Und eben an Evonik, wo man Plexiglasscheiben einsetzt und testet, Harz-/Härtersysteme und Hartschaumstoff – alles, was man zum Leichtbau benötigt. Weitere Teile sind angedacht. Selbst sei man kein Teilelieferant und wolle es auch nicht werden, so Ulzheimer. Insgesamt hat Evonik 2014 mit 33 400 Beschäftigten 12,9 Milliarden Euro umgesetzt, davon 2,1 Milliarden im Automotive-Bereich.

Ein Exot wie der Roding Roadster bietet den Vorteil der Markenneutralität. Außerdem kann man mit diesem Fahrzeug die eigene Geschichte des Leichtbaus optimal erzählen, so Industriemeister Ulzheimer. „Und man generiert mit diesem Nischenauto Aufmerksamkeit“, heißt es. Durch Einladungen zu Rennveranstaltungen ergibt das gute Kommunikationsmöglichkeiten an der Strecke. Derlei nutze dem allgemeinen Marketing und sei natürlich auch eine Plattform für Tests, um etwa Frontscheiben aus Plexiglas einer harten Belastungsprobe zu unterziehen; bei Serienfahrzeugen ist das gesetzlich noch verboten, Echtglas Pflicht.

Das Motorsportprojekt läuft über fünf Jahre. Und die noch junge Bremotion Sport Marketing GmbH, die vor Kurzem in Frankfurt-Rödelheim ihr neues Domizil bezogen hat, ist bei alldem der Dienstleister. So wie Audi-Partner Joest Racing aus Affolterbach im Odenwald – nur eben in ganz klein. Man bietet, so Brenndörfer, „ein Rundum-Sorglos-Paket“, wobei der Teamgedanke zusammen mit Evonik Priorität hat. Ziel: Auto auf der Piste, zufriedene Gäste. Von der technischen Vorbereitung des Rennwagens, dessen Weiterentwicklung, Einsatz auf der Strecke bis über Catering und Logistik kümmert man sich um alle Belange, die bei bis zu 200 Gästen übers Wochenende anfallen. Acht, neun Freelancer hat Brenndörfer dafür in seinem Netzwerk an der Hand, alles Experten in ihrem Bereich.

2014 gab es fünf Rennen, 2015 ist man am 3./4. Juli in Hockenheim unterwegs, am 4./5. September im belgischen Spa. Das sind jeweils Sprintrennen, Dauer zwei Mal 30 Minuten. Ziel ist es, mittelfristig eine Meisterschaft mitzufahren – da wird noch gesucht, welche Serie sich für den Roding eignet. Langstrecke und 24 Stunden sind dagegen kein Thema, weil zu zeitintensiv für die Besucher, darunter Kunststoffverarbeiter, Ingenieurdienstleister und auch Autobauer. Und vor allem zu kostenintensiv. Was Evonik heute schon für diese Präsentations-Plattform ausgibt, bleibt unter Verschluss. Der Rennsport-Ansatz „kommt sehr gut an“, so Ulzheimer. Das bereite den Boden für Geschäftsbeziehungen und Aufträge.

Für Brenndörfer ist die Zeit im Rennauto am Wochenende das „unspannendste“, neue Materialien im Performance-Umfeld erlebbar zu machen viel reizvoller. Dass freilich durch das Aufrüsten der Wettbewerber der Evonik-Renner hinterherfährt, soll auf Dauer nicht so bleiben. Aber die Latte liegt eben hoch mit Autos vom Schlage eines Audi R8 LMS oder Porsche 911 GT3 R. „Im Mittelpunkt stehen gleichwohl das innovative Konzept sowie die Testmöglichkeiten“, heißt es.

Ein Rahmenvertrag mit Evonik bildet die Basis der Bremotion GmbH, die aber aus Gründen des Risikomixes auf drei Beinen steht mit Tuning (Stützpunktpartner für elektronische Leistungssteigerung der Firma DigiTec Inteco) sowie PR-Aktivitäten und dabei Synergien schafft. „Es läuft langsam an“, so Brenndörfer. Beispielsweise mit der Anfrage eines Ferrari-Eigners, der für seinen F 430 dann doch lieber spezielle 20-Zoll-Felgen will. Der Kompetenz-Beweis via Motorsport helfe auf jeden Fall, so der Jungunternehmer, der daneben unter anderem Öffentlichkeitsarbeit macht für Falken Tyres. Etwa 300 000 Euro Umsatz dieses Jahr, mittelfristig eine halbe Million, später siebenstellig, das schwebt Brenndörfer vor. Dann wird es auch feste Arbeitsplätze in der modernen Werkstatt geben. Warum diese nun in Frankfurt zu finden ist, wo doch Weiterstadt lange der berufliche Mittelpunkt war, begründet Brenndörfer mit der größeren Tuning-Affinität dort sowie dem nahen Flughafen.

Das Interview führte Achim Preu, Redaktion Wirtschaft beim Darmstädter Echo.