20. Januar 2015

Interview: Tabuthema Mentaltraining? Coach trifft Fahrer

Rennsport ist auch Kopfsache, das ist bekannt. Aber: Mentaltraining gilt noch immer als Tabuthema unter Rennfahrern. Angst, Schwächen zu offenbaren oder eher aus Wettbewerbsgründen? Motorsport-Magazin.com wollte es genau wissen und bat einen Mentaltrainer sowie einen Rennfahrer zum Doppel-Interview.

Auf der einen Seite Julia David, von Beruf Beraterin, Motivationstrainerin und Mentalcoach für Unternehmen, Führungskräfte und Spitzensportler. Die Frankfurterin war eine der ersten weiblichen Mentalcoaches im Profifußball und engagiert sich ebenfalls im Motorsport.

Auf der anderen Seite blickt Patrick Brenndörfer auf mehr als 20 Jahre Erfahrung im Motorsport zurück. Seit 2002 startet er regelmäßig auf der Nürburgring-Nordschleife beim 24h-Rennen sowie der VLN, wo er zahlreiche Klassensiege feiern konnte. Seit 2014 betreibt er mit Bremotion sein eigenes Rennteam.

Das Interview zum Thema: Mentaltraining im Motorsport

Herr Brenndörfer, warum haben Sie sich für das Mentaltraining entschieden?
Patrick Brenndörfer: Bei mir persönlich ging es zunächst darum, eine wichtige Entscheidung fürs Leben zu treffen. Deshalb habe ich mir Rat bei einer neutralen Person gesucht und bin bei Frau David fündig geworden. Sie kann die Dinge anders beurteilen als jemand aus meinem Bekanntenkreis. Eine weitere Motivation war die Persönlichkeitsentwicklung, um mich selbst besser kennenzulernen, Stärken und Schwächen herauszuarbeiten und mich besser einschätzen zu lernen.

Frau David, ist es schwierig, Rennfahrer von den Vorzügen des Mentaltrainings zu überzeugen?
Julia David: Am Ende geht es nicht darum, jemanden überzeugen zu wollen. Ich als Coach kann nur Impulse geben und Aufklärungsarbeit leisten - also, worum es beim mentalen Training geht, was es bewirkt und wo es eingesetzt werden kann. Noch immer haben viele Profisportler keine Ahnung, was Mentaltraining eigentlich bedeutet. Die Entscheidung, mein Training dann anzunehmen, muss ein Mensch aus freien Stücken treffen. Ich kann nur mit Klienten arbeiten, die freiwillig kommen und offen sind für Neues.

"Ich kann nur mit Klienten arbeiten, die freiwillig kommen und offen sind für Neues."
Julia David

Es würde also nicht funktionieren, einem Rennfahrer ein solches Training 'aufzuzwingen'?
Julia David: Nein, das würde überhaupt nicht funktionieren und das würde ich auch verweigern. Wenn ich bei einer Auftragsarbeit einen Fahrer coachen soll, der das eigentlich gar nicht möchte, dann würde ich das sowieso ablehnen.

Herr Brenndörfer, Mentaltraining ist ein schwieriges Thema in Sportlerkreisen. Können Sie nachvollziehen, wenn ein Rennfahrerkollege dieses Coaching ablehnt?
Patrick Brenndörfer: Im Motorsport liegt der Fokus hauptsächlich auf Technik, Budgets und dem, was auf der Strecke stattfindet. Da spielt das Mentaltraining sicherlich nicht die wichtigste Rolle. Aber: Motorsport findet im Kopf statt. Etwa beim Qualifying, wo auf einer schnellen Runde alles passen muss. Auch beim Infight auf der Strecke, oder einem Ausdauerrennen wie den 24 Stunden vom Nürburgring. Wenn ich da nicht aussortiert bin oder abgelenkt durch fehlgeleitete Gedanken, unterlaufen mir eher Fehler. Deshalb ist die mentale Fitness fast noch wichtiger als die physische.

Beschreiben Sie doch bitte einmal Ihre Eindrücke nach dem ersten Mentaltraining mit Frau David.
Patrick Brenndörfer: Ich fühlte mich aufgeklärter und hatte eine klarere Sicht auf gewisse Dinge. Zum Beispiel finde ich es spannend zu analysieren und zu verstehen, warum man etwas intuitiv richtig oder falsch macht. Es war ein neues, aber auch höchstinteressantes Erlebnis.

Sind Sie nicht mit einer gewissen Skepsis an dieses Projekt herangetreten?
Patrick Brenndörfer: Nein. Ich denke, dass man sich dem Ganzen versperrt, wenn man nicht offen herangeht. Dann führt das Training auch nicht zum Erfolg, davon bin ich überzeugt.

Frau David, was genau lernt ein Rennfahrer bei Ihnen?
Julia David: Ich versuche in erster Linie, dem Fahrer eine Wahrnehmung und ein Bewusstsein für sich selbst zu vermitteln. Wie Herr Brenndörfer eben sagte, geht es darum, eigene Stärken, Schwächen und auch Stolpersteine zu ermitteln. Diese Selbsterkenntnis für die eigenen Fähigkeiten ist die Basis für jeglichen Erfolg. In weiteren Schritten geht es dann um Zielplanung, Strategien für die Umsetzung und Selbstmotivation. Ich arbeite mit den Fahrern auch an der Konzentration und der Wettbewerbsvorbereitung, sodass wir die mentale Stärke stetig weiter ausbauen. Das ist eine mittel- bis langfristige Angelegenheit, genau wie bei einem Ausdauertraining.

"Viele Menschen haben Probleme damit, ihre eigenen Stärken anzunehmen."
Julia David

Geht es eher darum, Stärken auszubauen oder Schwächen auszumerzen?
Julia David: Es geht darum, das Bewusstsein für die eigenen Stärken aufzubauen und diese zu stärken. Viele Menschen haben Probleme damit, ihre eigenen Stärken anzunehmen. Sie sehen eher das Negative und haben oftmals Schwierigkeiten mit dem Selbstwertgefühl. Es geht nicht darum, Schwächen auszumerzen sondern zu lernen, sie zu akzeptieren, mit ihnen umzugehen und Werkzeuge zu finden, mit denen man sie in den Griff bekommt.

Ist es nicht merkwürdig, dass Rennfahrer - die eigentlich als abgeklärt gelten - nicht gern öffentlich über Mentaltraining sprechen?
Julia David: Es wird in der Tat immer wieder totgeschwiegen. Das finde ich sehr skurril, denn das sind Menschen, die bei jedem Rennen ihr Leben riskieren. Aber in der Boxengasse trauen sie sich nicht zuzugeben, dass sie Mentaltraining machen. Ich sage: Mentaltraining ist ein Zeichen von Stärke, Mut und Klarheit.

Patrick Brenndörfer: Ich würde Frau David beipflichten. Das ist ein Thema, über das eher nicht gesprochen wird. Das mag etwas Persönliches sein. Allerdings spricht man während der Rennwochenenden auch nicht darüber wie viele Kilometer man täglich Fahrrad fährt oder wie oft man ins Fitnessstudio geht.

"Am Ende formt der Motorsport die Fahrer ja auch dazu, dass sich niemand traut, darüber zu sprechen."
Julia David

Julia David: Am Ende formt der Motorsport die Fahrer ja auch dazu, dass sich niemand traut, darüber zu sprechen. Viele denken eben immer noch, dass das eine Schwäche sei und vergleichen es mit 'auf der Couch liegen' wie beim Psychotherapeuten. Andere Fahrer sprechen aber auch bewusst nicht über das Thema, weil sie davon für sich selbst profitieren und diesen Vorteil nicht mit der Konkurrenz teilen möchten.

Patrick Brenndörfer: Stimmt. Es ist sicherlich ein wesentlicher Aspekt des Profisports, sich nicht so genau in die Karten schauen zu lassen. Frei nach dem Motto: Wenn ich mir einen Wettbewerbsvorteil verschaffen kann, möchte ich die anderen nicht unbedingt daran teilhaben lassen.

Wie verhält es sich denn bei anderen Sportarten, Frau David?
Julia David: Ich arbeite auch viel mit Fußballern. Da ist es das Gleiche in grün. Motorsport und Fußball sind natürlich auch diese typischen Männerdomänen. Beim Golf wiederrum gehört es zum guten Ton, einen Mentaltrainer zu haben.

Herr Brenndörfer, was ist ihre größere Motivation beim Mentaltraining: die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit oder das Verschaffen eines Vorteils im Vergleich zu anderen Rennfahrern auf der Strecke?
Patrick Brenndörfer: Sowohl als auch. Motorsport ist ein sehr komplexes Thema und wer das nur auf den 'Motor' reduziert, macht grundsätzlich etwas falsch. Natürlich sind wir alle abhängig von der Technik, aber nehmen wir einen Markenpokal wie den Carrera Cup. Dort habe ich nur sehr beschränkte Möglichkeiten, das Auto zu entwickeln.

"Am Ende des Tages ist es die mentale Stärke, die über Sieg oder Niederlage entscheidet."
Patrick Brenndörfer

Also bin ich als Fahrer gefordert, mir anderweitig Vorteile zu verschaffen. Diese können physischer, aber vor allem mentaler Art sein. Am Ende des Tages ist es die mentale Stärke, die über Sieg oder Niederlage entscheidet. Ähnlich ist es bei Langstreckenrennen: Ich kann der schnellste Fahrer sein, aber wenn ich wegen einer mentalen Schwäche den Speed nicht über einen zweistündigen Stint halten kann, bin ich einfach nicht gut. Es ist ein langer Prozess, aber im mentalen Bereich kann ich mir mit Training einen deutlichen Wettbewerbsvorteil verschaffen.

Frau David, was ist einfacher: die Arbeit mit einem jungen Piloten oder mit einem etablierten Profi?
Julia David: Die jungen Fahrer bringen eine große Portion Neugier mit und sind eher vorurteilsfrei. Das macht die Arbeit für mich natürlich leichter. Erfahrenere Piloten sind eher kopflastig und haben eine enorme Erwartungshaltung an das Training. Ich habe schon Fahrer erlebt, die dachten, sie würden ein, zwei Mal zu mir kommen und fahren dann locker aufs Podium. So funktioniert es natürlich nicht. Wenn sich manche alte Hasen eine Scheibe von den Jungen abschneiden und mit mehr Neugier an die Sache herangehen würden, wären sie oftmals schneller erfolgreicher.

Das Interview führte Robert Seiwert, Leitender Redakteur bei Motorsport-Magazin.com