Mein größtes Autoerlebnis

Von Patrick Brenndörfer

1995. Auftaktrennen der Deutsche Tourenwagen Meisterschaft (DTM) in Hockenheim. Ich sitze mit meinen Kumpels Christoph und Jens bei Opel in der Lounge und komme mit unserem Tischnachbarn ins Gespräch. Ingo, Dauerstudent aus Aachen, erwähnt nebenbei, dass er für August einen Trip nach Portugal plant. Konkret zum „ITC Golden Cup“ - dem damaligen internationalen Ableger der DTM - nach Estoril. Gesagt, getan, wir sind per Handschlag dabei.

DTM Estoril 1995

Zweifel gab es eigentlich keine, nur die Fragen: wer ist der Typ überhaupt und mit was für ein Auto fahren wir eigentlich? Dies ließ sich per Telefon (ja, es war noch die Zeit vor WhatsApp und Social Media) schnell klären. „Ich komme mit meinem Mercedes 200 D, Baujahr 1969, Serie 1“, plärrte Ingo ins Telefon. „Braucht ein bisschen Pflege, ist aber technisch einwandfrei.“

Gute drei Monate später stand er dann da, der „Strich-Acht“. Pechschwarz, 55 PS stark, 130 km/h schnell, leicht rostig und augenscheinlich geprägt durch ein bewegtes Leben. „Die Strecke von Darmstadt nach Estoril ist für den Benz kein Problem“, gab Ingo zum Besten. „Ich muss nur noch schnell den Ölstand checken.“ Dieser Check endete mit einer fulminanten Öllache auf der Anliegerstraße meiner Eltern, da beim Herausziehen des Messstabs auch gleich die ganze Führung abriss. „Das sieht schlimmer aus als es ist, der muss nur wieder in die Ölwanne reingesteckt werden“, wusste Ingo daraufhin zu berichten. „Ich habe 20 Liter (!) Öl im Kofferraum. Sobald der Öldruck wegbleibt, einfach anhalten und so 2-3 Liter nachfüllen.“ Aha!

Aufbruch ins Ungewisse
Mit freudiger Erwartung traten wir also unsere rund 2.500 Kilometer lange Reise quer durch Frankreich, Spanien und Portugal an. Wir entschieden uns, nur Landstraßen zu fahren, um uns die teure Autobahnmaut zu sparen. Studenten eben. Da der Benz natürlich keine Klimaanlage hatte, starteten wir abends, um die Kühle der Nacht zu nutzen. Unser Plan war, ohne Pause durchzufahren. Schließlich waren wir vier Mann, die sich abwechseln konnten. Die ersten paar Hundertkilometer verliefen auffällig unauffällig. Lediglich die Tatsache, dass in Ingos Benz das Radio nicht ging und nur ein Kassettendeck zu Verfügung stand (ja, es war noch die Zeit vor MP3 und Musik Streaming), machte die Sache etwas eintönig. Immerhin hatten wir genau eine Kassette dabei. Grönemeyer´s Bochum. In Dauerschleife.

Wir waren bereits tief im Westen eingetaucht, irgendwo bei Bordeaux, als ich hinter dem Steuer saß. Auf einem abschüssigen Landstraßenstück betätigte ich die Bremse, was jedoch keine Wirkung zeigte. Nach einem Gegencheck - war es tatsächlich das mittlere Pedal und doch nicht die Kupplung? -  gab ich ruhig, aber bestimmt zu Protokoll: „Ingo, wir haben ein Problem“. Als im gleichen Atemzug die beiden hinteren Insassen von Rauch im Auto berichteten, begegnete unser gemütlicher Student nur: „Dat ist Qualm von den Kippen“. Die Rauchschwaden wurden jedoch immer dichter und mein Verdacht erhärtetet sich beim Blick in den linken Außenspiegel: unser Auto kokelte!

Jetzt wurde auch ich etwas nervös, schließlich rauschten wir gerade mit einem nicht bremsfähigen und vermutlich brennenden Oldtimer in eine belebte Ortschaft. Mit vielen Menschen, Straßen und Ampeln! Es wurde Zeit zu handeln. Also ließ ich den Strich-Acht am rechten Fahrbahnrand ausrollen und wir stürmten zur Problembewältigung direkt aus dem Auto. Leider hatten wir nicht einkalkuliert, dass nun der kühlende Fahrtwind fehlte. Komplett. Folgerichtig schlugen uns nun aus dem hinteren, linken Radkasten lichterloh Flammen entgegen. Unsere einzige Rettung: rein ins Auto, Vollgas und hoffen, dass der Fahrtwind gnädigerweise das Problem beheben würde. Diese Idee fand Mitfahrer Jens nicht besonders überzeugend, was zu folgender, absurder Szenerie führte: Wir fuhren mit dem brennenden Mercedes 200 D los, während er daneben herrannte und sich partout weigerte, in das Auto zu springen. Die Angst, alleine zurückgelassen zu werden überwog offenbar dann doch, sodass er nicht ganz freiwillig und nach einigen 100 Metern doch „hinzustieg“. Noch heute frage ich mich, was die Franzosen wohl über die verrückten Deutschen in dieser Situation gedacht haben…

Ingo, der nebenbei kurz erwähnte schon Erfahrungen mit brennenden Autos gemacht zu haben („leider habe ich die immer verloren…“) gab die Strategie vor. Erneut langsam ausrollen lassen – bremsen ging ja eh nicht - und zum Löschen bereit halten. Bewaffnet mit je einer 0,5 Liter Flasche unseres wertvollen Trinkwassers. Und siehe da, der Plan ging auf, wir konnten das nur schwach züngelnde Feuer schnell unter Kontrolle bringen.

Bremotion Blog DTM 1995

Nach einer Abkühlpause, sowohl für den Benz als auch für uns, ging es auf Fehlersuche. Was war passiert? Durch die Leckage am Ölmessstab hat sich auf der Fahrt nach Bordeaux eine Ölschlacke gebildet. Nun war der Unterboden des Strich-Acht ohnehin kein Beispiel für mustergültige Sauberkeit, dafür aber nach rund 1.200 km Strecke und Dauervollgas glühend heiß. Auch der Ölschlacke wurde es irgendwann zu heiß, sich entzündete sich und fackelte publikumswirksam ab. Zu unserer Überraschung hatte jedoch unser Benz nichts, rein gar nichts, abbekommen. Empfindliche Komponenten wie Bremsleitungen und Reifen wiesen keinerlei Beschädigungen auf, selbst der rudimentäre Unterbodenschutz war nicht abgeraucht. Also konnten wir unsere Fahrt nach rund einer Stunde fortführen. Nachdem wir noch schnell drei Liter Öl nachgefüllt haben, versteht sich. Und noch heute spricht mancher Franzose vom „Wunder von Bordeaux“…

Die weitere Fahrt nach Portugal, wir hatten ja nach diesem Ereignis gerade mal Halbzeit, verlief wunschgemäß und problemlos. Bis wir am Atlantik in der Nähe von Estoril ankamen. Auf dem Weg zum Strand, einer unbefestigten und holprigen Sandstraße, gab es urplötzlich einen Riesenschlag. Ein lautes, scharrendes Geräusch verhieß nichts Gutes! Wir stiegen aus und mussten feststellen, dass wir unsere Hinterachse „verloren“ hatten. Die Räder schauten im 45 Grad Winkel aus den Radkästen, dass Differential lag auf dem Boden. Welch jämmerlicher Anblick eines solch stolzen Automobils.

Bremotion Blog Mercedes Strichacht

Nun hieß es erstmal den Benz zu entladen und das Fahrzeug aufzubocken. Nach kurzer Zeit war dies gelungen und wir konnten im Staub von Portugal auf Ursachenforschung gehen. Die Inspektion brachte zwar einen kleinen, wenngleich mit großer Wirkung behafteten Schaden zutage. Das Differential des Strich-Acht ist mit genau einer Schraube am Unterboden fixiert, das andere Ende des Ausgleichsgetriebes ist einfach nur eingehängt. Und genau diese Schraube ist abgeschert.

Nun sollte es doch kein Problem sein, diese Schraube zu organisieren. Dachten wir! Es dauerte geschlagene drei Tage, bis uns das kleine, aber dringend notwendige Ersatzteil für 5,00 Deutsche Mark (ja, es war noch die Zeit vor dem Euro) erreichte. Wir nutzen die Zeit sinnvoll mit viel Sagres Bier und dem ein oder anderen Medronho, dem traditionellen Obstschnaps aus Portugal. 

Frisch erholt ging es schließlich weiter nach Estoril, wo wir ein traumhaftes Rennwochenende des „ITC Golden Cup“ erleben durften. Das Rennen gewann übrigens Bernd Schneider, den zweiten Lauf Jan Magnussen (Vater des heuten Formel 1 Fahrers). Ein Mercedes-Doppelsieg also. Und für den Autor ausreichender Beweis, wofür Mercedes-Benz einmal stand und heute noch steht: unverwüstliche Technik und „unkaputtbare“ Automobile. Und selbst ein Fahrzeugbrand und eine verlorene Hinterachse hinderten uns nicht, diese Tour durchzuführen. Daraufhin fuhr ich die verschiedensten Mercedes-Modelle, u.a. C123, W108, W110 und auch einen 190er. Und noch heute bewege ich einen Mercedes 260E (W124) im Alltag. Problemlos. Und aus Überzeugung.

Erschienen in „HUPE“, dem Automagazin der Echo Medien, April 2015.

Mercedes AMG Estoril 1996 DTM ITC

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Eifelgeist, wo bist Du?

Von Patrick Brenndörfer

Ja, es gibt Dich. Noch niemand hat Dich je gesehen, aber es muss Dich geben. Die höhere Macht in der Eifel, die alles regelt. Die Dinge passieren lässt, die es gar nicht geben kann. Nicht in Monza, nicht in Indianapolis, Le Mans oder in Hockenheim. Eben nur auf dem Nürburgring. Auf der 20,8 Kilometer langen Nordschleife. Du warst auch heute wieder da und hast uns wieder gequält. Aber wir kommen dennoch gerne. Und wir kommen wieder! 
 

Brenndörfer bei Rad am Ring

Da sind wir nun, am "Ring". Es ist alles wie immer. Dieses Mal ist es sogar warm und regnet nicht. Klar, ist ja auch Ende August. Danke für die Gnade, wir haben es registriert! Gleich geht’s los, Start zum 24h-Rennen 2011. Doch irgendwie macht sich eine gespenstische Ruhe in der Boxengasse breit. Was ist passiert? Keine aufheulende Motoren, keine quietschende Reifen und keine dramatische Hektik bei den Boxenstopps? Schlafen die alle noch? Nein, jetzt fällt es mir ein: Wir sind bei „Rad am Ring“. Heute ersetzen wir das Auto durch das Fahrrad. Ohne E-Anrieb.

Das ADAC 24h-Rennen 2011 für Autos hat bereits im Juni stattgefunden. Dort wurden ich mit meinen Kollegen Ulli Andree, Frank Eickholt und Martin Müller mit unserem Volvo C30 T5 Zweiter in der Klasse für Turbofahrzeuge bis maximal 2,6 Liter Hubraum. Zwar hinter dem übermächtigen Werks-Audi von LeMans-Sieger Frank Biela. Aber immerhin vor dem Audi des DTM-Champion Martin Tomczyk! Das kann sich sehen lassen. Und was ist die Belohnung dafür? Eine Fahrt ins Grüne. Auf einem Drahtesel! Oder besser gesagt: Ab auf die sündteuren Carbon-Hightechbikes mit elektronischem Renngetriebe. Kettensurren statt Turbozischen, zwei statt vier Räder, Manpower statt Pferdestärken. Doch das Prinzip ist das Gleiche: Vier Mann = ein Team. Start: Samstag 15 Uhr, Ziel: Sonntag 15 Uhr. Wer die meisten Runden fährt, gewinnt.

Willkommen in der Grünen Hölle, los geht’s. Ich habe das Vergnügen, den Startturn zu fahren. Und es soll keiner sagen, ich sei nicht vorbereitet! Ein Rennrad musste her, ausgestattet mit ultraleichten Rennfelgen im standesgemäßen Mattschwarz, Vorderwagen und Radaufhängung aus Carbon, sequenziellem Getriebe mit Schaltwippen am Lenker, Heckantrieb, kein ABS, kein ESP dafür aber überall Leichtlauflager und Titanschrauben. Alles filigran, alles edel, alles teuer. Und damit besitze ich trotzdem eines der günstigsten Bikes im ganzen Fahrerfeld. Was hier in der Pitlane an Material angekarrt wird, gleicht der VLN. Geld? Hat man eben. Und gibt es aus. Basta!

 

Start: Ich bin beeindruckt. Von mir. Mann, muss ich gut sein. Ich brenn die Anfahrt zum Hatzenbach runter, als gebe es kein Morgen mehr. Ich bin topmotiviert und scheinbar extrem gut trainiert, alles läuft nach Plan. Noch beim Anbremsen überhole ich drei Konkurrenten. Alles Nasebohrer.

 

Durch den Hatzenbach durch - mit dem Auto geht’s kaum schneller - Richtung Flugplatz. Ich komme mir wie auf einer ultraschnellen Qualifikationsrunde vor. Voll am Limit. Doch dann: "Was ist denn jetzt los?" denke ich und verliere rapide an Geschwindigkeit.  Es muss ein technischer Defekt vorliegen, ganz klar! Doch der Schaden am Hightech-Geschoss entpuppt sich als typische Gegebenheit der Eifel: Eine Steigung! Unerwartet und steil. Von 65 km/h auf deren 2,8 innerhalb von 1/1000 Sekunde (ja, der Tacho geht so genau!!!) und das alles am ersten "Berg". Ja, ich bin am Limit. Physisch und Psychisch. Und erst dachte ich noch, ich muss vor der Kuppe des Flugplatzes lupfen... Zum Glück reicht meine wohltrainierte Muskelkraft vollkommen aus, dieses erste Hindernis mit Bravour zu bewältigen. Weiter geht’s.

 

Vollen Mutes stürze ich mich das Schwedenkreuz herab, der Tacho zeigt beachtliche 75 km/h. Wow. Aber ich bin kein Weicheich, ab über die Kuppe und ohne vom Gas zu gehen rein in die Linkskurve. Das Bike liegt wie ne Eins, aber trotzdem sage ich Euch: Mir geht der Ar*** auf Grundeis. Das ist sogar hier und jetzt und auf zwei Räder ne Mutecke. Respekt! Anbremsen Aremberg, bis auf den Randstein raustragen und laufen lassen. Leute, macht das auch! Hier geht’s mit weit über 90 Sachen durch die Fuchsröhre!!! Die Windgeräusche sind Ohrenbetäubend, die Augen tränen, das Rad wackelt spektakulär und ich glaube, dass in der Kompression die mit 8 bar gefüllten Rennslicks komplett platt sind. Beängstigend! "Bitte ja keinen Reifenscheiden erleiden", denke ich noch, als mich einer von diesen  vollkommen verrückten Typen innen überholt. Im Rennwagen wäre mir das bestimmt nicht passiert...

Eifelgeist: Ob mit Auto oder Fahrrad, kommen denn wirklich nur die ganz Fertigen hier her? Die, mit dem besonders großen und sehr rostigen Nagel im Kopf? „Fahrt ihr nur so weiter, ich halte mein Tempo“, denk ich mir. Und siehe da, im Metzgesfeld fliegen auch prompt zwei Fighter vor mir ab. War wohl ein normaler Rennunfall. Das habt ihr davon. Weiter. Wehrseifen, Breitscheid, Tempo 70 km/h, Vollgas Richtung Betonwand. Ich frage mich noch, was wohl dieses Mal passieren wird? So wie ich hier schon des Öfteren mal gestrandet bin. Mit dem Auto. Aber es geht gut, ich überquere die Brücke, schalte für die steile Beraufrechts 23 Gänge runter und ... stehe! Mann, wieso ist das so steil hier?!

 

Was jetzt folgt, sind die schlimmsten Kilometer, Meter, Zentimeter und gar Millimeter nach Erfindung von Maßeinheiten. Keuchend, dampfend, pulsierend und lamentierend schleppe ich mich das Kesselchen hinauf. Jenem wunderschön in die Eifellandschaft eingebetteten Streckenabschnitt, der im Rennwagen kurzes Durchatmen zulässt. Atmen muss ich jetzt auch, aber es handelt sich dabei eher um eine kurzfrequente Schnappatmung. Wie ein Fisch ohne Wasser, der in Kürze das Zeitliche segnet. Puls 210 oder so. Und die grausame Erkenntnis, dass es genau zwei Kategorien Fahrer gibt: Die schnelleren und die, die nicht langsamer sind.

 

Wo ist sie hin, die Motivation, der Glaube an sich und das Material? Es gibt nur noch Schmerz, Schmach und das definitive Wissen, dass die Nordschleife nur Bergauf geht. Wer hätte das je vermutet? Der Weg scheint überhaupt nicht mehr enden zu wollen. Doch solange alle Räder am Gefährt sind,  wird weitergekämpft. Aufgeben ist keine Option! War es noch nie. Nicht am Nürburgring. Nie!

 

Nach weiteren Minuten der Demut – oder waren es gar Stunden? - erscheint die erlösende "Kaptain Ahab"-Rechts zum Karussell. Es ist geschafft, das Etappenziel ist erreicht! Und am legendären Kilometer 12,8 (der Mutkurve) habe ich sogar stehen lassen. Das trauen sich nur gaaanz wenige…

Für Weicheier

Ich lass mich Richtung Karussell rollen, jener spektakulären Steilwand aus grauer Vorzeit. Auf dem Asphalt wurde für die "Außenfahrer" freundlicherweise der Hinweis "FÜR DIE WEICHEIER" hinterlassen, sodass ich natürlich die Innenbahn wähle. Auch mit dem Fahrrad ist das nicht wesentlich bequemer als im Auto. Ihr kennt ja den Spruch es fühle sich an, als würde man mit dem nackten Hintern die Treppe runterrutschen. Das ist falsch, es ist schlimmer.

 

Ich beschleunige aus dem Karussell raus und trete wie bekloppt in die Pedalerie. Denn: die sagenumwobene Königsetappe der diesjährigen Tour de France - äh, von Rad am Ring - steht bevor. Im Fahrerlager wurde sie mit voller Ehrfurcht nur flüchtig und leise wimmernd erwähnt und es wurde immer vor ihr gewarnt: Die 17%-Angststeigung aller Fahrradfahrer. Die HOHE ACHT!

 

"2x3 macht 4 Widdewiddewitt und Drei macht Neune!!"...Was? Höre ich jetzt Gespenster? "Hey - Pippi Langstrumpf trallari trallahey tralla hoppsasa"... Was ist denn jetzt passiert? Ist das wieder so ein kleiner Scherz des Eifelgeist? Ok, ich bin schon etwas fertig mit der Welt, aber ist es schon so schlimm? Wo kommt diese Musik her? Doch dann die Erlösung. Der Fahrer vor mir hat ein Handy einstecken und das Telefon trällert munter dieses Lied in die Eifelwälder. Halb so schlimm.

 

Ganz schlimm: Hohe Acht. Nebelschwaden steigen auf, es wird finster, es fängt an zu Gewittern, die Temperaturen fallen unter 0°C. Ich glaube, auf der "Höhe" haben wir sogar Sauerstoffmangel und Eisbildung. Ganz so dramatisch wird’s dann aber doch nicht. Der Veranstalter hat wohlwissend ein Survivalzelt aufgestellt und lädt zum dringend nötigen Boxenstopp ein. Mit brennenden Oberschenkeln und schweißüberströmt erreiche ich die erlösende Oase. 39,5°C Wassertemperatur.

 

Und weiter. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich für einmal keinen neuen Streckenrekord aufstellen werde und schleppe mich waidwund Richtung Döttinger Höhe. Im Brünnchen ist wie immer Party, sogar bei Rad am Ring campieren zahlreiche Fans bei saftigen Steaks und Bierchen feuern jeden Fahrer frenetisch an. Dankeschön! Wer möchte tauschen? Als abschließendes Highlight erfordert die Döttinger Höhe - und insbesondere der Tiergarten - noch einmal das allerletzte Mobilisieren der nicht mehr vorhandenen Kräfte und dann ist es geschafft! 20,8 km Nordschleife mit dem Fahrrad. Ja, es ist und bleibt die längste und härteste Rennstrecke der Welt!

 

Nach 24 Stunden ist dann endlich Schluss. Unser 8er Team belegte mit 17 gefahrenen Runden immerhin Platz 46, wobei mir unglücklicherweise die Anzahl der gestarteten Teams gerade entfallen ist. Respekt vor unserem Profiteam, die durch 25 gefahrenen Runden und einem hervorragenden 106. Platz von 646 Startern beeindruckten. A la bonheur! Trotz allem: auch nächstes Jahr sind wir wieder dabei. Und dann werde ich dich endlich finden, lieber Eifelgeist!

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Cockpitgeständnisse vom 24h-Rennen 2004

Von Patrick Brenndörfer

Es ist Sonntagnacht, irgendwo zwischen drei und vier Uhr morgens. Normalerweise liege ich um diese Zeit im Bett. Normalerweise. Denn hier und heute ist nichts normal. Ich sitze inmitten eines Käfiggeflechts aus 25CrMo4-Stahl, 35 Meter verschweißte Rohre umschließen mich. Es ist eng, es ist laut. Ich sitze in einem Volvo und fahre gerade das härteste Langstreckenrennen der Welt, das ADAC 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring.

Brenndörfer im Auto

Soeben habe ich es wieder geschafft, die so genannte Schaltlampe hat gelb aufgeleuchtet. Dies passiert bei unserem Auto im 6. Gang nur einmal auf fast 25 Kilometern Streckenlänge. Jedes Mal dann, wenn der Volvo auf der Kuppe des Abschnitts „Schwedenkreuz“ die Bodenhaftung verliert. Topspeed, Tempo 240 km/h, die Räder in der Luft.  Das Geschlängel vom „Hatzenbach“ und die Rampe des „Flugplatzes“ habe ich bereits erfolgreich hinter mir gelassen. Aber diesen Gedanken verliere ich schnell, denn ich muss Bremsen um die „Arembergkurve“ noch zu erwischen. Die Sicht ist bescheiden, denn bei einem unverschuldeten Crash mit einem Porsche hat mein Teamkollege die Zusatzscheinwerfer verloren. Leider nicht nur dass, denke ich mir. Aber dazu später mehr.

Es ist dunkel. Die noch übrig gebliebenen Lichtquellen schneiden ein eher schemenhaftes Bild in die Eifelwälder. Es ist schon fast unheimlich. Unser Team besteht aus über 25 Mechanikern, Freunden, Helfern. Rund um die Nordschleife sind wohl 200.000 Menschen aufmarschiert, das TV überträgt 13 Stunden live und über 20 Millionen TV-Zuschauer verfolgen das Geschehen zu Hause am Bildschirm. Und ich steche ALLEINE in die Dunkelheit der „Fuchsröhre“. Das ich dabei nicht viel sehe ist wohl ganz gut, sonst würde ich ja vielleicht vom Gas gehen.

Ich bin auch schon Sprintrennen gefahren. Da haben wir um Zehntel- und Hundertstelsekunden gekämpft. Heute kämpfen wir 24 Stunden. So ändern sich die Zeiten. Aber eines ist klar: Dies hier ist die Kür des Ganzen, die wahren Helden stehen in der Box. Die Mädels und Jungs machen diesen Wahnsinn erst möglich. Sie waren es, die zum Rennbeginn den Motor in nur drei Stunden gewechselt haben. Geben Sie doch Ihren Wagen morgens mit einem Pleuelschaden in der Werkstatt ab und verabschieden sich mit den Worten: „Bis heute Abend“… Wohl kaum. Aber dazu später mehr.

Es ist geschafft, die „Fuchsröhre“ liegt hinter mir. Dieser Abschnitt ist noch trocken, aber runter zum „Wehrseifen“ wird es wieder nass. Das weiß ich noch von der letzten Umrundung. Anbremsen der „Breidscheidbrücke“. Belagwechsel, das ABS rattert sofort. Im 4. Gang. Sehr toll! Sehr rutschig. Öl! Die Betonwand kommt brutal schnell auf mich zu, aber gut, dass es sie gibt. Denn ohne sie, würde man unter Umständen von der Brücke auf die darunter liegende Bundestrasse knallen. Aber es geht mal wieder gut.

24h Rennen 2004

Der Volvo ist ein Rennwagen ohne Starallüren, ohne zickiges Heck, ohne fiese Überraschungen. Ein treuer Wegbegleiter. Und das seit langer Zeit. Natürlich hat er in den Jahren die ein oder andere Rohkarosse verschließen, aber die Seele ist die alte. Er ist ein Guter. Und es ist sein letzter Einsatz.

Es geht weiter Richtung „Bergwerk“. Perfekt, ich kann einen Porsche überholen. Klar, es regnet. Die Stunde der Frontkratzer. Der GT3 hat keine Chance und ich bin vorbei. Ciao. Es schüttet wie aus Kübeln und plötzlich bin ich gar nicht mehr so alleine. Kurz vor der „Anfahrt zum Karussell“ tauchen sie auf, die hölzernen, dreistöckigen Tribünen der zahllosen Fans. Lagerfeuer, Raketen- und Böllerschüsse, der Duft von Gegrilltem und unzählige Lichterketten beweisen es: Hier feiern die besten Fans der Welt, manche sind schon über eine Woche hier. Und das bei diesem Wetter. Respekt. Leider fehlt mir die Zeit die Romantik zu genießen und „Ortsvorsteher Käptain Ahab“ und den anderen Hallo zu sagen. Ich entscheide mich für die Steilkurve und die Waschbetonplatten des „Karussell“.

Ich bin wieder alleine auf weiter Flur und frage mich wo die anderen 220 Autos wohl fahren. Oder stehen? Die ständigen Wetterwechsel und die allgemein schwierigen Bedingungen der „Grünen Hölle“ haben schon zahlreiche Teams dahingerafft. Leider hat es auch uns schon früh erwischt, als der eingangs erwähnte Porsche am Ende der Zielgerade statt in die Kurve geradeaus in den unschuldigen Volvo abbog. Der Schwedenstahl nahm ihm das nicht krumm, der Ölkühler schon. Kühler kaputt, Öl weg, Motorschaden.

Da schaffst du wochen- und nächtelang durch und dann … Achtung, Floskel: Thats Racing! Aber jetzt schlägt die Stunde unserer Mannschaft. Die Jungs haben den Volvo wieder geflickt, ein neues Triebwerk (ok, ich gebe zu, es ist der Einsatzmotor des Vorjahres) in den Bug gesteckt und weiter ging´s. Voll normal. Das die Fuhre dabei hält ist keineswegs sicher und eigentlich haben wir jetzt erst … HALBZEIT. Und die bittere Erkenntnis: Das ganze Theater fängt wieder von vorne an.

Doch das liegt ja auch schon wieder ein paar Stündchen zurück. Ja, wir fahren noch und um es klar zu stellen: Das ist keine Selbstverständlichkeit. Im „Wippermann“ wird es plötzlich grell im Spiegel. Scheinwerfer tauchen auf. Ist es wieder so ein Blender? So ein Krawallmacher, der schneller aussieht als er ist? Nein. Ich erkenne die hektisch blinkenden LED´s in der Scheibe und weiß, es ist eines der Top-Fahrzeuge. Es ist DTM-Legende Klaus Ludwig, der sich im „Turbinchen“ an mir vorbeiquetscht – natürlich im Drift. „Turbinchen“ ist die zweifellos größte Verniedlichung eines über 700 PS starken Monsters auf Porsche 996 BiTurbo-Basis. Schnell da, aber auch schnell wieder weg. Das Ding geht wie die Hölle.

Um es vorwegzunehmen. Eine Stunde vor Rennende explodiert der Motor von Turbinchen genau vor mir in der „Klostertalkurve“. Ein gigantischer Feuerschweif beendet die Fahrt eines der beeindruckendsten und wohl schnellsten Boliden der Nordschleife. Schade. Aber kein Grund zur Traurigkeit, wir fahren ja noch… 

Patrick Brenndörfer im Auto

Ich komme zum „Pflanzgarten“. Und fahre gegen eine Nebelwand. Mal was Neues! Im Schwalbenschwanz herrscht eine Sichtweite von 0,0 Metern und wo normalerweise die fünfte Welle eingelegt ist, geht es mit 28 km/h relativ gemütlich zur Sache. Auf der „Döttinger Höhe“, der langen Geraden zurück zur Start- und Ziel, ist der Nebel wieder weg. Halluzinationen? Nein, das ganz normale Wechselspiel der Nordschleife. Diese Rennstrecke lebt, denke ich mir, und sitzt immer am längeren Hebel.

Ach ja, da war noch was. Der Funkspruch! „HEICO HEICO - alles klar“, lautet er am Ende einer jeden Runde auf der Döttinger. Nur dann wissen die Herren der Zeitnahme, dass alles okay ist. Und nur dann können sie sich wieder für die nächsten 9:45 Minuten zurücklehnen und -  als wäre es ganz normal – auf „HEICO HEICO - aller klar“ warten.

Ich habe meinen Dienst geleistet und komme nach zehn faszinierenden Runden zum Service an die Box. Mein Stillstand ist gleichzeitig Startschuss für ein perfektes und harmonisches Ballett. Die Jungs wechseln Räder, tanken, reinigen die Windschutzscheibe und Scheinwerfer und löschen, sollte es brennt. Tut es aber nicht, alles funktioniert reibungslos! Nach zügigen zwei Minuten ist die Inspektion beendet und unser Renner verschwindet wieder in die einsame Dunkelheit.  

Ab jetzt heißt es Warten, das Rennen dauert noch über zehn Stunden. Ich werde nach meinem Teamkollegen erneut ins Auto klettern und quasi fast 300 Kilometer verregnete Landstraße in 90 Minuten abspulen. Wird alles halten? Am Ende haben wir über 3.300 km und fast 10.000 Kurvenfahrten bewältigt. Dies entspricht einer Distanz von Frankfurt nach Marrakesch! Und zusätzlich zum Nürburgring hin und zurück. Aber ich lehne mich zurück und weiß, dass es klappen wird. Schließlich ist das alles ganz normal!

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